Aus der Geschichte der Sport- und Kulturgemeinschaft Walldorf 1888 e.V.
(Vortrag unseres 2. Vorsitzenden Hans-Jürgen Vorndran zur akademischen 125-Jahr-Feier des Vereins am 27. September 2013)

Liebe Freundinnen und Freunde der SKG Walldorf!

Der Vorstand hat mich gebeten, in der gebotenen Kürze versteht sich, aus der 125jährigen Geschichte unseres Vereins zu berichten.

Zu unserem Gründungsjahr 1888 mussten die Schüler früher im Geschichtsunterricht den Merksatz aufsagen „eins-acht-acht-acht, drei Kaiser waren an der Macht“. Es war also das sog. „Dreikaiserjahr“ in dem innerhalb eines Jahres drei Generationen regierten: Wilhelm I, Friedrich III und Wilhelm II. In Walldorf, einem Dorf mit damals rd. 1200 Einwohnern, war dies Bürgermeister Lorenz Pons 4., ein Nachfahre einer alten Waldenserfamilie. Einen Pfarrer hatte die Gemeinde bereits seit vier Jahren nicht mehr. Pfr. Wilhelm Dittmar kam erst 1890 nach Walldorf, nachdem es ein neues Pfarrhaus gab. Möglicherweise hat diese pfarrerlose Zeit die Vereinsgründung begünstigt. Denn die Kirche sah es nicht gerne, wenn sich die Jugend anderweitig betätigte.

Aber auch als „alte Walldorfer“ müssen wir uns eingestehen, ohne den zündenden Funken aus unserer südlichen Nachbargemeinde hätte es unseren Verein zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben. Denn in Mörfelden gab es bereits einen Turnverein – seit 1879 – . Und so war es nur folgerichtig, dass Ludwig Geiss aus Mörfelden den 33 jungen, sportbegeisterten Männern die Anregung gab, den „Turnverein Walldorf“ zu gründen und ihr Turnwart wurde. Man versammelte sich im August in der von Karl Nohl betriebenen Gastwirtschaft „Zur Deutschen Turnhalle“ in der Mörfelder Straße 20 – heute befindet sich dort das Kino „Lichtblick“. Zum ersten Vorsitzenden wurde Philipp Steckenreiter I bestimmt. Bei den Gründern gab es übrigens zwei gleichen Namens, die sich nur durch die Hinzufügung I. bzw. II. unterschieden.

Neben dem Turnen, Leibesübungen genannt, betrieben die Sportler noch Faustball und Gewichtheben. Bald kam auch noch ein Spielmannszug hinzu (1890), denn bekanntlich geht ja mit Musik alles besser. Natürlich ist ein Verein ohne Fahne nicht komplett. Sie wurde zum zehnjährigen Bestehen 1898 angeschafft. Dafür verkaufte ein Vereinsmitglied eine Kuh, wie ein Chronist berichtete. Diese Traditionsfahne wurde von den Nazis eingezogen und tauchte nicht mehr auf; sie wurde erst 1956 durch eine neue Fahne ersetzt.

In der Gründerzeit fanden monatliche Mitgliederversammlungen mit einer Beteiligung von 70 bis 80 Prozent statt. Davon träumen heute Vorsitzende.

Die positive Entwicklung des Vereins wurde durch den Ersten Weltkrieg (1914-1918) jäh unterbrochen; die Vereinsarbeit ruhte bis auf das „Zöglingsturnen“. Das bittere Ende: Aus dem Krieg kamen 21 Vereinskameraden nicht mehr zurück.

Mit der Novemberrevolution 1918 wurde das Kaiserreich durch die Weimarer Republik abgelöst. Die politischen und sozialen Umwälzungen fanden auch im Verein ihren Widerhall. Im Zuge des allgemeinen gesellschaftlichen Fortschritts wurde der Übertritt in den „Arbeiter Turn- und Sportbund“ in Leipzig beschlossen. Der Vereinsname wurde in „Freier Turn- und Sportverein gegr. 1888“ geändert. Dies bewegte die „Freien Turner“ (Vereinsgaststätte „Neue Welt“ in der Waldstraße) dem Verein beizutreten, wodurch die Mitgliederzahl auf 195 anwuchs.

Ab 1919 entwickelte der Verein eine besondere Dynamik. Die Frauen emanzipierten sich. Das Frauenturnen wird eingeführt und gesellschaftsfähig gemacht. Dies traf nicht überall bei der dörflichen Bevölkerung auf Zustimmung. So berichtet der Chronist, dass am Anfang dieser Bewegung viele Walldorfer die Fensterläden zu machten, wenn die Frauen und Mädchen in ihren Trikots, das waren kurze Röckchen, bei den Umzügen vorbeimarschierten – heute würden wir feststellen: der Minirock war geboren!

Im gleichen Jahr wurde von 28 jungen Männern mit Jakob Exel an der Spitze die Fußballabteilung gegründet, die den Verein über Jahrzehnte prägen sollte. Die Fußballer reisen gern – in den 20er Jahren: Berlin, Thüringen, Elberfeld-Barmen, später auch ins Ausland. Eine Leidenschaft, die sich bis heute erhalten hat. Einer solchen Reise 1926 verdanken wir unsere Vereinsfarben „Grün-Weiß“. Es wurde ein Satz Trikots gekauft. Die Wahl fällt auf grüne Hemden zu den vorhandenen weißen Hosen. Inzwischen sind die Vereinsfarben sogar in der Satzung im § 4 festgeschrieben.

Eine kleine Gruppe im Verein beginnt mit dem Theaterspiel. Beim Familienabend zu Weihnachten wurden stets Einakter aufgeführt. 1924 wagt man sich an das zeitkritische Stück „Die Waffen nieder“ von Bertha von Suttner, der Vorkämpferin der europäischen Friedensbewegung und Namensgeberin unserer Schule. Später folgen auch Operetten und Lustspiele und im Laufe der Jahre geht die Theatergruppe in die Karnevalsabteilung über.

1920 wird der Frauenchor „Harmonie“ gegründet, der 1931 im Arbeitergesangsverein „Volkschor “ aufgeht und den neuen Namen „Volkschor Vorwärts“ trägt.

Diese von vielfältigen Aktivitäten geprägte Aufbruchstimmung im Verein, trotz oder gerade wegen der damals wirtschaftlich schwierigen Jahre – Stichwort: Weltwirtschaftskrise! – endet abrupt 1933. Trotz der Namensänderung in „Turn- und Sportverein 1888 Walldorf“, um einem Verbot zu entgehen, werden am 29. Mai bzw. am 6. Juni 1933 die beiden Vereine „Freie Turn- und Sportverein Walldorf“ und der „Volkschor Vorwärts“ von den Nationalsozialisten verboten. Noch im April hatte der Vorstand im „Freitags-Anzeiger“ die Mitglieder aufgefordert , „die Treue zur 1888 Fahne zu halten.“

Viele Mitglieder rechnen zunächst damit, dass der Verein bald wieder genehmigt wird und treten verschiedenen anderen Vereinen bei. Zur Vereinsgaststätte „Nohl“ traut sich jedoch kaum noch jemand. Der Sportplatz und die Umkleideräume werden beschlagnahmt und der SA als Übungsgelände zur Verfügung gestellt. Mit Ausbruch des II. Weltkriegs am 1. September 1939 ruht der gesamt Sportbetrieb. Aus diesem von Hitler angezettelten, verbrecherischen Krieg kehren 24 Vereinskameraden nicht mehr nach Hause zurück. In diesem Zusammenhang muss auch darauf hingewiesen werden, dass der Rassenwahn der Nazis zum Menschheitsverbrechen Holocaust führte. Allein in unserer Stadt erinnern 54 Stolpersteine an jüdische Mitbürger/innen, die ausgegrenzt, ausgeplündert, vertrieben, deportiert und ermordet wurden.

Nach dem totalen Zusammenbruch und der Befreiung vom Nazi-Regime herrschten Hunger und Wohnungsnot. Millionen von Vertriebenen und Flüchtlingen waren zu integrieren. Ein zaghafter Neubeginn des Vereinslebens erfolgt erst 1946. Die amerikanische Militärregierung in Hessen erlaubte zunächst nur eine sportliche und kulturelle Betätigung. Es wird nur ein einziger Verein am Ort zugelassen, die „Sport- und Kulturgemeinschaft“ – kurz SKG genannt.

1947 werden alle bisher verbotenen Vereine wieder genehmigt. Daraufhin verlassen alle Sportler, die früher anderen Vereinen angehörten, die SKG. Lediglich die ehemaligen „Freien Turner“ und die „Arbeiter-Sänger“ bleiben. Damit bleibt der Verein der Tradition der Arbeiterbewegung verbunden und nennt sich jetzt „Sport- und Kulturgemeinschaft 1888 e.V. Walldorf“ und Chor heißt als Abteilung „Volkschor 1906“.

Nach entbehrungsreichen Jahren entwickelt sich langsam wieder sportliches und kulturelles Leben im Verein. 1948 erfolgt das erste Chorkonzert. 1949: Maskenbälle, Sommernachtsfest, Operettenabend und Weihnachtsfeier. Ein kultureller Höhepunkt ist sicherlich die Aufführung des Haydn-Oratoriums durch den Volkschor der SKG im Waldenserhof im April 1954; so in der Walldorfer Chronik nachzulesen.

Auch die Fußballverbandsrunde etabliert sich. Und die Mitglieder haben 1950 den Mut, in Eigenhilfe auf dem Vereinsgelände „am Schlichterfeld“ eine kleine Sporthalle zu bauen. 1951 entsteht die SKG-Gaststätte, nachdem das Vereinslokal „Nohl“ in der Mörfelder Straße aufgegeben werden musste. Die Bautätigkeit setzt sich in den folgenden Jahren unvermindert mit An- und Ausbauten fort. 1970 entsteht die Mehrzweckhalle. Tennisplätze und ein Clubhaus werden gebaut, eine Tennishalle folgt. Die Bahnengolfanlage wird 1976 eingeweiht und schon im Jahr darauf erhalten die Fußballer einen Hartplatz mit Flutlichtanlage. Mit einem finanziellen Kraftakt (Kosten: eine Million DM) wird 2001 die Gaststätte und der Eingangsbereich der Halle um- und ein Sanitärtrakt angebaut. Ein langjähriges Mitglied hat es treffend formuliert: „Eigentlich wurde immer gebaut, um der Mitgliederentwicklung und den Bedürfnissen der Abteilungen Rechnung zu tragen.“

Heute geht es darum, die in die Jahre gekommene Bausubstanz zu erhalten und schrittweise zu modernisieren. Eine dringend gebotene energetische Sanierung der Gebäude scheitert jedoch derzeit an den finanziellen Möglichkeiten des Vereins. Denn die Zeiten der Eigenhilfe sind bis auf wenige Ausnahmen vorbei (Stichwort: Dienstleistungsbetrieb Verein). Ohne die städtischen Zuschüsse könnten wir bei Beibehaltung der jetzigen Mitgliedsbeiträge die vielfältigen Angebote für unsere Mitglieder nicht aufrechterhalten! Dafür sei den städtischen Gremien in der Hoffnung (Stichwort: Schutzschirm!), dass es auch in Zukunft so bleibt, ausdrücklich Dank gesagt.

Im Vereinsleben gibt es immer ein Auf und Ab. Mitglieder kommen und gehen wieder. Sie bleiben nicht mehr ein Leben lang als „Grün-Weiße“ dem Verein treu. So ist es leider auch mit Abteilungen, wenn sie andernorts bessere Möglichkeiten sehen. Aber auch Trends, wie z.B. Tennis, beeinflussten diese Entwicklung – positiv wie negativ. Mitte der 1980er Jahre war die SKG mit über 1.500 Mitgliedern noch der größte Verein in Walldorf. Im Jubiläumsjahr haben wir knapp 1.000 Mitglieder in 13 Abteilungen, die ich einmal nennen möchte, um die Vielfalt deutlich zu machen: Boule, Boxen, Cricket, Fußball, Gesang, Karneval, Minigolf, Racing Club (Elektroautos), Schützen, Tennis, Tischtennis, Turnen und Volleyball. Ein sehr breites Angebot!

Diese Zahlen zeigen auch die enorme Integrationsleistung des Vereins SKG für unser Gemeinwesen. Denn es waren die Vereine, die nach dem Krieg den Vertriebenen und Flüchtlingen Teilhabe-Angebote zum Heimischwerden gemacht haben. Später kamen dann die damals sog. „Gastarbeiter“ und Migranten hinzu. Und diese Aufgabe besteht heute unverändert fort und wird von uns gerne angenommen!

Manch einer wird bei meinen Ausführungen die Aufzählung der vielen sportlichen Erfolge der SKG vermisst haben. Ich habe bewusst darauf verzichtet, denn es würde einfach den Rahmen sprengen. In der Ihnen vorliegenden Festschrift ist einiges davon nachzulesen. Ganz aktuell können wir eine hessische und deutsche Meisterschaft unserer ersten Cricketmannschaft vermelden. Herzlichen Glückwunsch dem Cricketteam!

Bei früheren Jubiläen war es üblich Prominente aus der Showbranche einzuladen. So 1968 zum 80sten Bestehen Roberto Blanco & Heinz Schenk. Wir sind bescheidener geworden. Es wäre nicht bezahlbar und wohl auch nicht mehr zeitgemäß. Doch an dieser Stelle soll mit einem gewissen Stolz nicht unerwähnt bleiben, dass der prominenteste Besucher in einer überfüllten SKG-Mehrzweckhalle Anfang der 1970er Jahre Willy Brandt war.

Zum Schluss möchte ich feststellen, dass der Traditionsverein SKG Walldorf 1888 e.V. unter seinem Jubiläumsmotto: „aufgeschlossen-dynamisch-familienfreundlich“ auch für die Zukunft gut aufgestellt ist. Gemeinsam werden wir die Herausforderungen auch in schwieriger werdenden Zeiten meistern! Deshalb wünsche ich der SKG für die nächsten 25 Jahre ein herzliches „Glück auf“!

Informationen zur Geschichte der SKG Walldorf und ihrer Abteilungen können sie unserer 68-seitigen Festschrift „125 Jahre SKG Walldorf“ oder dem unten stehenden Manuskript eines Vortrags unseres 2. Vorsitzenden anlässlich der 125-Jahr-Feier entnehmen.

Link zur Festschrift „125 Jahre SKG Walldorf“

[Flash-Animation ca. 7 MB]
(Zusammengestellt von Volker Trapmann und seinem Team im Jahr 2013)